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Die Astronomische Uhr in St. Marien zu Rostock
Manfred Schukowski unter Mitarbeit von Wolfgang Erdmann und Kristina Hegner, 2., erweiterte u. aktualisierte Auflage 2010. Mit English Summary, übersetzt von Heide Grieve. 64 S., 102 Abb., davon 75 farbig, 24,5 x 17 cm, Paperback
ISBN 3-7845-1236-5, 6.90 EUR

Rostock besitzt die weltweit älteste noch funktionierende astronomische Uhr, welche - neben vielem anderem - die "neue Zeit" vollständig analog anzeigt, nämlich gleich lange Stunden im Verhältnis zu den astronomischen Anzeigen, im Unterschied zu den seit der Antike gebräuchlichen "Temporal-Stunden", die je nach Jahreszeit unterschiedlich lang waren. Damit war z. B. die Zeit-Meßbarkeit wieder auf eine Basis gestellt, die den Interessen der arbeitsteiligen Gesellschaft, den Kaufleuten, Seefahrern und Werkstätten besser entsprach, als die auf den Gebetsrhythmus von Klerikern abgestellte "alte" Zeiteinteilung.
Professor Dr. Manfred Schukowski, Rostock, erklärt nicht nur, wie die multifunktionalen Anzeigen der astronomischen Uhr in Rostock abgelesen werden. Er beschreibt außerdem die Konstruktion der Uhr, nicht ohne die astronomischen Erkenntnisse und die technischen Erfindungen (insbesondere beim Problem der Hemmung) zu schildern, an denen jahrhundertlang geknobelt worden war.
Der Mediävist Wolfgang Erdmann vergleicht die Uhr mit anderen mittelalterlichen Uhren, darunter denen in Lübeck, Lund, Wismar, Stendal, Doberan, Stralsund und Danzig, und verdeutlicht damit den Stellenwert der Rostocker Uhr als eines neuen Typs in der Uhren- und "Zeit"- Geschichte. Erdmann untersucht auch die Frage nach den Auftraggebern - die u. a. mit der Rostocker Universität in Verbindung standen -, die Finanzierung und die Frage, warum die Uhr genau an dieser und keiner anderen Stelle in der Marienkirche aufgestellt wurde, ferner die Frage, wer der Uhrmacher war. In Verbindung damit klärt er sowohl die Bedeutung dieser Uhr für die Menschen im Mittelalter im liturgisch-kultischen Bereich wie auch Aspekte der Geistes-, Wissenschafts- und Kunstgeschichte dieser Uhr.
Dr. Kristina Hegner, Kunsthistorikerin am Staatlichen Museum Schwerin, beschreibt die mittelalterlichen Figuren an der Uhr.
Die - entgegen bisheriger Meinung - schon 1379/80 errichtete und 1472 "nur" modernisierte Uhr, die 1641/42 sowie 1710 renoviert und z. T. erweitert wurde, wird im Bildteil des Bandes mit ihrem Uhren- und Kalendariumszifferblatt, Stundenschlag- und Musikwerk, Figurenumlauf, astronomischen und astrologischen Anzeigen ebenso vorgestellt wie mit ihren wichtigsten technischen Elementen.


Zusatz-Informationen:
Die Kirche von St. Marien zu Rostock birgt die älteste noch gehende mittelalterliche Astronomische Uhr der Welt. Die Forschung hat sich bislang wenig um dieses "Kirchenmöbel" gekümmert. Die einzige wissenschaftliche Monographie ist 1885 erschienen, sie behandelte aber die Geschichte der Uhr nur für den Zeitraum seit 1641.
Um für St. Marien einen touristischen Führer herauszugeben, waren umfangreiche Arbeiten und zusätzliche Forschungen erforderlich. Daß dieses Projekt nach zwei Jahren intensiver Arbeit nun verwirklicht wurde, ist außer dem Ehrgeiz des Verlegers vor allem der Zusammenarbeit des Rostocker Experten Prof. Dr. Manfred Schukowski mit dem Mediävisten Wolfgang Erdmann (ehemals Lübeck) und der Kunsthisorikerin Kristina Hegner (Landesmuseum Schwerin) zu verdanken.
Die 2., erweiterte und aktualisierte Auflage des Buches ist seit 2010 in der Marienkirche und im Buchhandel für 6,90 Euro zu haben.
Sechs mittelalterliche astronomische Uhren sind heute, in wichtigen Teilen oder Nachbauten, rings um die südliche Ostsee noch erhalten. Einzig die Uhren in Rostock und Stralsund besitzen noch zum weit überwiegenden Teil ihr mittelalterliches Werk. Und wiederum einzig das Werk in der Marienkirche zu Rostock funktioniert noch heute und möglicherweise bereits einige Jahre länger als bisher bekannt.
Entgegen bisheriger Meinung wurde die Uhr 1472 höchstwahrscheinlich nicht neu gebaut, sondern zu jener Zeit umgebaut und modernisiert. 90 Jahre zuvor, 1379/80 wurde auf Rechnung des Rats der Stadt Rostock aus Lübeck eine Uhr geliefert und in Betrieb genommen, welche die Rostocker 6% der gesamten städtischen Haushaltsmittel kostete, so steht es im Rechnungsbuch des Jahres 1379/80. Daß diese Uhr in der Marienkirche aufgestellt wurde ist zu vermuten, da im gleichen Jahr eine Stundenglocke für St. Marien gegossen wurde, sie hängt noch heute, allerdings stumm, im Turm. Die Gesamtsumme der Lübecker Uhren-Rechnung und vielerlei Bemerkungen über die jeweiligen Zutaten dieses Apparats lassen den Schluss zu, daß es sich nicht nur um eine einfache Schlaguhr gehandelt haben kann.
Über die aus Lübeck bestellte und gelieferte Uhr aus dem Jahre 1379 gibt es zunächst keine weiteren Belege. Es ist aber bekannt, daß im Jahre 1398 das Langhaus der Kirche einstürzte. Vergleiche mit Standorten anderer Ostsee-Uhren und dem Zerstörungsgrad des Kirchenschiffes lassen vermuten, daß diese Vorgänger-Uhr wohl nicht vollständig zerstört gewesen sein dürfte. Eine Reparatur dieses Instruments ist aus mehreren Gründen wahrscheinlich. Allein schon deshalb, weil die Uhr für Priester und Kaufleute von außerordentlichem Nutzen war. Ein solch teures Werk wird man auch nach einer Beschädigung wohl kaum vernichtet haben. Dafür sprechen zahlreiche Befunde.
Wenige Jahre nach diesem Rostocker Kauf aus Lübeck wird in Stralsund 1394 durch Nikolaus Lilienfeld eine astronomische Uhr fertiggestellt. Uhrmacher gab es damals nur wenige in Europa, ihnen wurde ein hoher Rang zuerkannt und sie kamen kaum ohne die modernsten Wissenschaften aus. Niemand hat bislang beachtet, daß bereits 1396 Nikolaus Lilienfeld als Uhrmacher "orologista" und "weiser Mann - homo discretus" in Rostock ansässig war, der unsere Uhr gut hat reparieren können. In dem Lebenswerk dieses Mannes wären rein zeitlich betrachtet, auch die anderen "Ostsee-Uhren" in Hamburg, Lübeck, Lund, vielleicht auch Stendal und Wismar, die verblüffende Gemeinsamkeiten aufweisen, unterzubringen. Gründete Lilienfeld in Rostock ein Zentrum wissenschaftlichen Uhrenbaues für die ganze Region?
1419 wird die Universität in Rostock gegründet, in der Philosophischen Fakultät wurde auch Astronomie gelehrt. Ein weiterer Beleg für in Rostock tätige Astronomen fand sich für das Jahr 1426/27. Konrad Gessel erhielt zu dieser Zeit in Rostock den akademischen Grad eines Baccalaureus für eine astronomische Abhandlung. Seine Arbeit ist kaum ohne das Vorhandensein einer astronomischen Uhr vorstellbar. Gessel fertigte für die Rostocker Dominikaner einen immerwährenden Kalender für die Jahre 1438-1464 an und unterhielt beste Beziehungen zum Deutschen Orden, der für seine Vorliebe für Groß-Uhren bekannt war. Gessel wirkte am 2. Thorner Frieden mit, dort dürfte er mit Hans Düringer zusammengekommen sein, dem Baumeister der Astronomischen Uhr in St. Marien zu Danzig von 1464/70. Immer wieder kehrte Konrad Gessel nach Rostock zurück.
1472 gilt bis heute gemeinhin als das Jahr der Enstehung unserer Rostocker Uhr in St. Marien. Als Beleg für diesen Bau der Uhr diente eine Veröffentlichung aus dem Jahre 1741, die einen Ablaßtext aus dem Jahr 1472 wiedergibt, in dem zu Geldspenden zum Bau "der neuen Uhr" und zur "Vervollständigung" derselben aufgerufen wird. Auch dieser Text wird in dem vorliegenden Buch einer genaueren Untersuchung unterzogen. Nach Abwägung verschiedener Umstände ist kaum auszuschließen, daß mit den Ablaßgeldern von 1472 nur die "Modernisierung" oder der "Umbau" der Uhr von 1379/80 finanziert werden sollte.
Die Modernisierung der Rostocker Uhr von um 1472 darf als die Danzig nachfolgende Arbeit Hans Düringers angesprochen werden, auch wenn dessen Spur gegenwärtig nur bis Thorn und Danzig nachweisbar ist. Die Unterschiede beider Uhren lassen weniger auf einen anderen Uhrmacher schließen, als darauf, daß eine Rostocker Vorgängeruhr dort so in Erinnerung war, daß sie die Gestaltungswünsche beeinflußt haben wird. In Danzig behielten sich die Ratsherren die Gestaltung des Uhren-Gesichts vor, in Rostock dürfte das nicht anders gewesen sein.
Technikgeschichtliche Untersuchungen an der Mechanik der Uhrwerke in Rostock und anderen Uhren der "Ostsee-Uhrenfamilie" werden zur weiteren Klärung dieses Bauwerks, dessen Berühmtheit weit über Rostock und den Ostseeraum hinausgeht, beitragen. Wichtig wäre insbesondere ein Vergleich mit dem nahezu unverändert erhaltenen sowie auf 1394 sicher datierten Werk in Stralsund, um zu einer wenigstens relativen Datierung des Rostocker Werks oder einzelner Teile zu kommen. Verglichen werden könnten auch Holz- und Metallverformungs- und -Verbindungstechniken, die Oberflächenbehandlung, die Lagerungen der beweglichen Teile sowie die Charakteristika handwerklicher Eigentümlichkeiten, Spuren von Umbauten, Wiederverwendungen und Restaurierungen, ferner auch Konstruktionsmerkmale wie Durchmesser und Mächtigkeit von Zahnrädern und Laternentrieben, Form und Folge der Zähne, Übersetzungsverhältnisse etc.
Die Autoren dieses Buches wünschen sich darüber hinaus, daß eine korrekte Wiederherstellung der Kalender-Anzeige durchgeführt wird. Die jüngst restaurierte Danziger Uhr gibt dazu hervorragendes Vergleichsmaterial.
Nun sind die Rostocker am Zug, dieses reiche Material für ihre Stadt nutzbar zu machen. Denn in jedem Fall sind die hier vorliegenden Fakten und Fragen geeignet, das Ansehen der Stadt zu befestigen.

Aus dem Inhalt:
- 1379/80 bestand eine Vorgängeruhr.
- die Uhr wurde 1472 nicht neu gebaut, sondern umgebaut und modernisiert.
- der Uhrmacher der berühmten Stralsunder Uhr 1394, Nikolaus Lilienfeld, ist 1396 Rostocker Bürger.
- es gibt eine ganze "Ostsee-Uhrenfamilie" / War Rostock ein Zentrum des Uhrenbaus?
- eine Kritik zum Ablaß von 1472, des einzigen bisherigen Datierungs-Belegs.
- eine Einordnung und Datierung der Tierkreis- und Monatsbilder.
- 1426 wirkt Konrad Gessel, Baccalaureus als Astronom, in Rostock, er wird in Zusammenhang mit der Uhr gebracht.
- neue Gründe, warum Hans Düringer am Umau der Uhr 1472 beteiligt war.
- die Apostel des Apostelumgangs werden namentlich identifiziert.
- das Anzeige-System des Kalendariums wird gründlich erklärt.
- die Erfindung der "Spindel-Waag-Hemmung" - das Herz der mittelalterlichen Räderuhr - wird historisch, technisch und theologisch erläutert.


Touristenliteratur ist gemeinhin nicht das Forum, um wissenschaftliche Neuigkeiten zu publizieren. Hier liegt ein Sonderfall vor: Um einen brauchbaren "Führer" machen zu können, hat der Verlag zusätzliche Forschungen finanziert. Deshalb kommt die erste Monografie zu dieser Uhr seit 1885 in solcher Aufmachung für nur 5 Euro Ladenpreis daher (2. Auflage 2010 für 6,90 EUR). 1885 interessierte nur die Geschichte der Uhr ab 1641. Also mußte der neue 49-Seiten-Band die bisher bekannte Geschichte zu großen Teilen über den Haufen werfen. Das ist der Zusammenarbeit des Rostocker Experten Prof. Dr. Manfred Schukowski mit dem Wissenschaftler Wolfgang Erdmann (ehemals Lübeck) und der Kunsthistorikerin Kristina Hegner (Landesmuseum Schwerin) zu verdanken.

Schukowski hat sich mit Technik und Mathematik der Rostocker Uhr seit den späten sechziger Jahren befaßt und zu dem Bändchen sein bisheriges Wissen beigesteuert - was freilich teilweise korrigiert und vor allem um ein Vielfaches erweitert werden mußte, um die Fragen heutiger Leser beantworten zu können.

Einige Forschungs-Ergebnisse:
entgegen bisheriger Meinung wurde die Uhr nicht 1472 neu gebaut, sondern zu jener Zeit umgebaut und modernisiert
-"eine Vorgängeruhr von 1379/80 wird nachgewiesen
-"die Rostocker Uhr und ihr Platz unter ihresgleichen weltweit wird untersucht und dargestellt: die einzige noch mit mittelalterlichem Werk gehende astronomische Uhr weltweit!
-"der Stellenwert dieser Uhr in der Mentalitätsgeschichte wird gezeigt: genau an der Nahtstelle einer mentalitäts-geschichtlichen Wende
Der Uhrmacher der berühmten Stralsunder Uhr (1394), Nikolaus Lilienfeld wird als Rostocker Bürger nachgewiesen
-der Zusammenhang einer "Ostsee-Uhrenfamilie" wird etabliert
- eine Uhren-Topographie des mittelalterlichen Rostock wird vorgelegt
- Kritik des Ablasses von 1472, des einzigen bisherigen Datierungs-Belegs, wird geliefert
- kunsthistorische Einordnung und Datierung der Rostocker Tierkreis- und Monatsbilder erarbeitet (K. Hegner)
- Konrad Gessel (Baccalaureus als Astronom in Rostock 1426!) in Zusammenhang mit der Uhr gebracht
- eine ernsthaftere Begründung der Mitwirkung Hans Düringers am Umbau (nicht Neubau!) von 1472 wird geliefert
- Apostel des Apostelumgangs namentlich identifiziert
- das Indikationssystem des Rostocker Kalendariums wird erstmals gründlich erklärt und folglich die heutige Gestalt (von 1885) kristisiert
- erstmals in der lieferbaren Literatur überhaupt wird die Erfindung der Spindel-Waag-Hemmung historisch begründet, und zwar als Kombination von Theologie, Mechanik und Handwerk.

Der Autor kann von etlichen neuen, auch eigenen Forschungsergebnissen zur Rostocker Uhr (u.a. Holzalter-Bestimmungen) sowie zur Stundenglocke von 1389 (Gießer, ursprünglicher Bestimmungsort) berichten, aber auch zu vergleichbaren Uhren anderwärts.

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